Chronische Unterleibschmerzen
Rund 52.000 Endometriose-Fälle werden in Deutschland jährlich diagnostiziert. Dabei dauert es durchschnittlich bis zu zehn Jahre, bis die Volkskrankheit erkannt wird. Gynäkologin Sylvia Mechsner spricht darüber, welche Therapien helfen – und wann eine Gebärmutterentnahme sinnvoll ist.
Interview: Liubov Bolshukhina
Foto: Kateryna Hliznitsova
Frau Professor Mechsner, täglich melden sich 30 neue Frauen in Ihrem Endometriose-Zentrum an, das sind mehrere Tausend Betroffene im Jahr. Wie erklären Sie sich diesen Ansturm?
Frauen bluten heute einfach viel mehr. Vor 100 Jahren hat eine Frau nur 40 Mal in ihrem Leben menstruiert: Sie ist mit der Pubertät schwanger geworden, hat gestillt und mehrere Kinder auf die Weltgebracht. Eine heute 30-Jährige, die nicht hormonell verhütet oder schwanger war, hat bis dahin bereits 200 Mal geblutet. An Entwicklungsländern sieht man, dass durch Geburtenkontrolle Endometriose auch dort präsenter wird.
Oft vergehen Jahre, bis Frauen überhaupt Hilfe bekommen. Woran liegt das?
Viele Frauen denken, ihre Schmerzen im Unterleib seien normal. Wenn eine Frau nicht arbeiten kann, im Bett liegt und auf Schmerzmittel angewiesen ist, ist das keine normale Menstruation. Ihr Leid können sich Menschen meist gar nicht vorstellen, die nicht von so starken Schmerzen betroffen sind. Man sollte hellhörig werden, wenn eine Frau Regelschmerzen in der Stärke von 8 von 10 möglichen Punkten angibt. Das kann man durchaus mit einer Geburt vergleichen.

Professorin Sylvia Mechsner ist Oberärztin der Gynäkologie und leitet das Endometriose-Zentrum an der Charité Berlin. Sie forscht an der Schmerzentstehung von Endometriose und hat unter anderem einen Ratgeber für Betroffene geschrieben.
Warum wird das Problem auch von Ärzt:innen zu spät erkannt?
Endometriose ist komplex und beginnt mit Schmerz. Und Schmerz kann man nicht sehen. Wenn man im Ultraschall eine Veränderung sieht, ist die Erkrankung schon weit fortgeschritten und der Schmerz meist chronisch. Eindeutig sichtbar wird Endometriose erst bei einer Bauchspiegelung. Leider versteht man die Schmerzentstehung von Endometriose in vielen Teilen zu wenig, da in dem Bereich zu wenig geforscht wurde.
Was ist Endometriose?
Endometriose ist eine chronische Erkrankung. Etwa jede zehnte Frau ist davon betroffen. Dabei findet sich Gewebe, welches der Gebärmutterschleimhaut (Endometrium) ähnelt, außerhalb der Gebärmutterhöhle. Dieses Gewebe wächst häufig in den Gebärmuttermuskel (Adenomyose) und bildet Herde im Bauchraum, in dem sich auch Eierstöcke, Blase und Darm befinden. Auch wenn es nicht bösartig ist, kann Endometriose in die Organe hineinwachsen. Zudem sind die Herde zyklusabhängig aktiv und können in sich hineinbluten. Betroffene Frauen leiden häufig auch an starken Blutungen, intensiven Schmerzen und chronischen Entzündungen. Unfruchtbarkeit kann dazukommen.
Ist Endometriose erstmal festgestellt worden, gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Symptome zu lindern – heilbar ist die Erkrankung noch nicht. Warum begleiten so wenige Gynäkolog:innen betroffene Frauen langfristig?
Mit Endometriose macht man Minus, wenn man nicht operiert. Das macht dieses Spezialgebiet so unsexy. Daher fokussieren sich die meisten auf die OPs. Danach kommen Patientinnen oft zu uns, aber die Nachsorge können die Kolleginnen und Kollegen genauso machen wie wir.
Was war ein besonders harter Leidensweg, den sie mitbekommen haben?
Ich erinnere mich an eine Patientin, die erst 30 Jahre alt war und sehr litt. Immer, wenn sie blutete, brauchte sie Opiate. Das ist extrem! Andere Ärzte hatten den Verdacht, dass sie Opiat abhängig sei und deshalb nur simuliere. Nachdem alle konservativen Methoden ausgeschöpft waren, entschied sie sich doch für eine Gebärmutterentfernung. Bei der OP hat die Gebärmutter so stark gekrampft, dass sie schneeweiß geworden ist. Mich hat das sehr erschrocken.
Die Gebärmutter einer jungen Frau zu entfernen ist ja auch ein harter Einschnitt in ihr Leben!
Wenn es keine bösartigen Befunde sind, dann ist es grundsätzlich eine Kann-Option. Früher wurde es zu großzügig gemacht: Etwa wenn Regelschmerzen unerträglich waren. Oder wenn Myome bei der Patientin starke Blutungen verursachten. Inzwischen gibt es zunehmend Gebärmutter erhaltende Operationen. Man kann den Myom-Knoten rausnehmen und näht die Gebärmutter wieder zu. Allerdings ist die Tendenz da, dass die Myome wiederkommen. Das ist ein Problem.
„Jahrelange Schmerzen können weitere Schmerzen auslösen. Dann entwickelt der Schmerz eine Art Eigenleben.“
Sind Myome gefährlich?
Myome sind gutartige Wucherungen innerhalb des Gebärmuttermuskels. Aufgrund der Größe können sie auf benachbarte Organe wie Blase und Darm drücken. Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und heftige Blutungen sind typisch. Durch die Blutung können Frauen eine Blutarmut bekommen. Auch Unfruchtbarkeit ist eine der gefürchteten Folgen.
Und wie gut hilft eine Gebärmutterentfernung bei Endometriose?
Sie gehört zum Repertoire der Behandlungen, muss aber genau besprochen werden. An sich kommt die Entfernung nur infrage, wenn die Familienplanung Ende 30, Anfang 40 sicher abgeschlossen ist. Endometriose betrifft fast immer auch die Gebärmutter. Ob der Schmerz nach dem Eingriff verschwindet, hängt davon ab: Stammt er allein aus der verkrampften Gebärmutter oder hat zusätzlich Endometriose außerhalb der Gebärmutter ein chronisches Schmerzsyndrom verursacht? Jahrelange Schmerzen können weitere Schmerzen auslösen. Dann entwickelt der Schmerz eine Art Eigenleben. Vor allem sinkt die Schwelle: Das ganze Becken tut weh. Dann wird es nicht so viel helfen, die Gebärmutter zu entfernen. Aber genau das sind meist die geplagten Frauen, die sich eine Erlösung wünschen.
Wie gelingt es Endometriose-Patientinnen dann, ihren Schmerz zu durchbrechen?
Einem Großteil der Patientinnen hilft die Gestagentherapie oder Hormonspirale mit Gestagenen, die dazu führen, dass sie nicht mehr bluten. Nach dem Motto: keine Blutung – keine Schmerzen. Etwa 10 % aller Frauen mit Endometriose haben jedoch chronische Schmerzen. Auf Dauerschmerz reagiert der Körper mit Verspannung. Und wenn man eine Fehlhaltung im Becken hat, überträgt sich diese auf den Schultergürtel. Man atmet nicht mehr richtig, schläft schlecht und alles tut weh. In solchen Fällen können auch künstliche Wechseljahre helfen. Das braucht einige Monate, bis die Hormontherapie wirkt. Wenn der Endometriose-Schmerz nachlässt, kann sich nach und nach der Beckenboden wieder entspannten.
Wie verändert sich der Körper der Frau, wenn man ihr die Gebärmutter entfernt?
Wenn nur die Gebärmutter betroffen ist, bleiben die Eierstöcke erhalten. Jüngere Frauen haben dann weiterhin ihren Zyklus, aber ohne Regelblutung. Durch die körpereigenen Östrogene kann Endometriose erneut im Bauchraum oder an den Eierstöcken auftreten oder weiterwachsen. Ich kenne nicht wenige Frauen, die trotz der OP Endometriose-Schmerzen haben und Hormone nehmen müssen. Dass so ein zentral weibliches Organ fehlt, belastet viele Frauen psychisch. Ohne Gebärmutter kann man kein Kind austragen. Die Tragweite des Eingriffs sollte einem vorher bewusst sein.
„Natürlich sollte man Medikamente nicht wie bunte Bonbons schlucken. Aber bei korrekter Anwendung ist die Hormonersatz-Therapie eine gute und sichere Sache.“
Also kommen die Frauen nicht früher in die Wechseljahre, da die Eierstöcke weiterhin Hormone produzieren?
Durchschnittlich beginnen die Wechseljahre mit 51. Nach einer Gebärmutterentfernung können sie etwa ein bis zwei Jahre früher einsetzen.
Was können die Frauen tun?
Kommt man vor dem 50. Lebensjahr in die Wechseljahre, ist eine Hormon-Ersatztherapie abzuwägen. Denn mögliche Folgen von Östrogen-Mangel sind: Osteoporose, Demenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Heutzutage sind viele Frauen verunsichert und möchten keine Hormone nehmen. Natürlich sollte man Medikamente nicht wie bunte Bonbons schlucken. Aber bei korrekter Anwendung ist die Hormonersatz-Therapie eine gute und sichere Sache.
Helfen auch pflanzliche Stoffe bei Wechseljahren?
Bei zu früh einsetzenden Wechseljahren (vor dem 45 Lj, 45-50 abwägungssache) kann man nicht allein mit pflanzlichen Mitteln arbeiten. Der Körper braucht Östrogen und das ersetzen die Pflanzen nicht. Pflanzliche Mittel lindern Symptome wie Schlaf-, Konzentrationsprobleme sowie Hitzewallungen.
Was kann jede Einzelne tun, damit die Behandlung von Endometriose besser wird?
Alle schreien nach Forschung. Wir haben sehr viele Forschungsprojekte, aber man muss auch mitmachen. Seit Kurzem können 16- bis 24-Jährige über eine App Informationen zum eigenen Zyklus finden. Das hilft bei der Einschätzung: Was ist normal, und was nicht? Welche Schmerzmittel kann ich nehmen? Viele schauen sich die Informationen gar nicht an.
Kann die Politik auch etwas tun?
Das Einfachste aus meiner Sicht wäre, die Versorgung sicherzustellen. Niedergelassene Frauenärzt:innen bekommen kein Budget für die Schmerzerhebung oder Ultraschall. Ziel muss sein, dass diese Leistungen anerkannt und vergütet werden, ähnlich wie es bei Diabetes läuft. Nicht jeder Endometriose-Fall ist hochkomplex. Wichtig ist, die Schmerzentwicklung gar nicht erst zuzulassen. Und Schmerzmittel und Hormone verschreiben können auch Gynäkolog:innen in der Praxis.
