Neun Millionen Frauen in Deutschland erleben gerade die Wechseljahre – zwei Drittel von ihnen haben starke oder mittelstarke Beschwerden. Auch zwei Drittel aller deutschen Unternehmen haben Beschwerden: Sie klagen über Fachkräftemangel. Hat das eine mit dem anderen zu tun? Wahrscheinlich.
Text: Nicole Lauscher
Knapp 20 Prozent der Frauen über 55 Jahre mit Wechseljahressymptomen wollen früher in Rente gehen. Ein Viertel hat wegen der Beschwerden bereits Stunden reduziert, rund 18 Prozent haben die Stelle gewechselt, fast ebenso viele eine Auszeit von der Arbeit genommen. Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle Studie der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR). Diese Frauen fehlen auf dem Arbeitsmarkt – oder werden dort fehlen. „Sie sind im besten Fall hochmotiviert, sehr gut ausgebildet und haben keine Schwierigkeiten mehr, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen: Es sind also genau die Arbeitskräfte, die Unternehmen sich wünschen“, sagt Prof. Dr. Andrea Rumler.
Sie ist Professorin für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Marketing an HWR Berlin und hat diese Studie initiiert. Gemeinsam mit ihrem Team hat sie 2119 Frauen zwischen 28 und 67 Jahren zum Thema Wechseljahre am Arbeitsplatz befragt. Bislang gibt es eine ähnliche Untersuchung nur in Großbritannien.
„Jetzt haben wir endlich auch für Deutschland eine veröffentlichte wissenschaftliche Studie, die untermauert, dass die Wechseljahre ein Wirtschaftsfaktor sind.“
Wir brauchen Aufmerksamkeit
Warum das wichtig ist? „Die Studie ist in erster Linie wichtig, um überhaupt eine Awareness bei den Arbeitgebern zu schaffen. Sie sollen erkennen, dass sie handeln müssen, wenn sie diese Frauen im Unternehmen halten wollen“, sagt Andrea Rumler. Die meisten Unternehmen haben das Thema nämlich gar nicht auf dem Schirm und die Frauen bekommen keine Unterstützung. „Nur rund vier Prozent unserer Studienteilnehmerinnen gaben an, dass ihre Führungskräfte für das Thema Wechseljahre sensibilisiert sind – das bedeutet im Umkehrschluss: 96 Prozent sind es nicht.“
Fast 80 Prozent der Befragten erklärten außerdem, dass im Job nie oder nur selten über die Wechseljahre gesprochen wird. Mehr als die Hälfte erleben die Menopause sogar als Tabuthema. Und zwei Drittel versuchen, sogar sichtbare Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen und Schweißausbrüche am Arbeitsplatz zu verstecken. Gleichzeitig wünschen sich fast 70 Prozent eine offene Kommunikation zu dem Thema.
Hilfestellung geben ist keine Raketenwissenschaft
Schulungen für Führungskräfte und HR, um die Awareness zu steigern, wären ein erster Schritt. „Unser weiterer Wunsch wäre es, dass es in Unternehmen Wechseljahresbeauftragte gibt, die die Frauen ganz individuell unterstützen: die informieren, aufklären, die auch helfen, einen Spezialisten oder eine Spezialistin für ihre Beschwerden zu finden“, sagt Andrea Rumler.
Generell sind Maßnahmen, die Frauen in dieser Phase helfen, keine Raketenwissenschaft und auch nicht teuer: Homeoffice, flexible Arbeitszeiten, ein guter Zugang zu Toiletten, klimatisierte Arbeitsplätze und kein Zwang zu einengender Kleidung, in der man schnell schwitzt. Aber auch betriebsärztliche und psychologische Betreuung zum Thema Wechseljahre, spezielle Sportangebote und die Möglichkeit einer offenen Kommunikation und Austauschmöglichkeiten unter Betroffenen sind wichtige Angebote.
Die Unternehmen da packen, wo es wehtut
Warum sich viele Firmen so schwer damit tun? „Das Thema Wechseljahre ist nicht sexy und wir es auch nicht werden“, weiß Rumler. „Darum müssen wir die Unternehmen da packen, wo es ihnen am meisten wehtut – bei ihrem Portemonnaie. Die Message ist: Wenn es euch nicht gelingt, qualifizierte Personen im Unternehmen zu halten, die sonst aus gesundheitlichen Gründen ausscheiden, dann verliert ihr Geld.“
NOBODYTOLDME

… macht sich dafür stark, dass wir Frauen unsere Wechseljahre selbst regeln. Darum ist NOBODYTOLDME von Frauen für Frauen gemacht und spricht offen über alles, was diese Phase bedeuten kann. Susanne Liedtke: „Ich möchte dir aufzeigen, welchen starken Hebel du selber – mit Messer und Gabel – in der Hand hast, um deinen Körper wieder in die Balance zu bringen.”
