Dr. med. Daniela Bach war Frauenärztin mit Leib und Seele. Dann entschied sie sich zu gründen, um endlich das zu machen, was sie sich selbst von einer Gynäkologin wünschen würde: zuhören und aufklären. Heute ist Daniela Gesundheitscoach in ihrer eigenen Glückssprechstunde.
Interview: Nicole Lauscher
Eigentlich habe ich gedacht, unser Gesundheitssystem in Deutschland ist fortschrittlich – das ist es aber anscheinend doch nicht. Was läuft hier falsch?
Dr. med. Daniela Bach: Wir haben ein fortschrittliches System, aber es ist definitiv noch Luft nach oben. Unser Gesundheitssystem gibt der sprechenden Medizin und der Prävention noch nicht den Stellenwert, den sie brauchen. Das hat man zwar erkannt, aber es kommt noch nicht in die Umsetzung: Kinderwunsch, Wechseljahre, PMS – alles Themen, für die es Beratung braucht – dafür gibt es noch nicht ausreichend Zeit und Vergütung.
Abrechnen können Ärzt:innen pro Quartal gerade mal 16,89 Euro – egal, wie häufig eine Patientin kommt.
Genau. Ganz gleich ob ich der Patientin lediglich ein neues Rezept überreiche und sie frage, wie es ihr unter der bestehenden Medikation geht, oder ob ich eine Patientin zigmal im Quartal sehe. Diese Pauschale bleibt gleich. Studien zeigen, dass sich Ärzt:innen im Durchschnitt sieben Minuten für eine Patientin oder einen Patienten nehmen. Das reicht vorne und hinten nicht. Und nicht selten kommen die wirklich wichtigen Fragen dann im Türrahmen, wenn die Patient:innen am Gehen sind.
Das führt dazu, dass sie Dr. Google fragen.
Ja, und die Intention ist super: Sie wollen sich informieren. Für ihre Gesundheit. Aber nicht selten landen sie in irgendwelchen Foren, in denen medizinische Laien „Fehldiagnosen” geben. Für die sieben Minuten bedeutet das, dass die Ärztin oder der Arzt in dieser Zeit eine Richtigstellung, eine Untersuchung und auch noch eine Aufklärung unterkriegen muss.
Was war dein Schlüsselmoment, dass du gesagt hast: Da spiel ich nicht mehr mit?
Es gibt zwei Schlüsselmomente. Der eine war so ein Türrahmen-Moment, als eine Frau, Mitte 20, mich im Gehen fragte: „Ist es eigentlich normal, dass ich noch nie einen Orgasmus hatte?“ Ich wusste, wenn ich jetzt sage: „Setzen Sie sich nochmal. Wir besprechen das.“ – das schaffe ich nicht einmal in 14 Minuten. Wenn ich aber sage: „Machen Sie bitte einen neuen Termin aus, damit wir in Ruhe über ihren Orgasmus sprechen können“, dann wird sie nicht kommen. Ich habe gemerkt: Ich könnte dieser Frau helfen, aber nicht in diesem Setting.
Und der zweite Schlüsselmoment?
Das war am Ende meiner zweiten Elternzeit, als meine beste Freundin fragte: „Bald geht es zurück in die Praxis. Wie fühlt sich das für dich an?“ und ich mich sagen hörte: „Wenn ich ehrlich bin, kann und will ich so nicht mehr arbeiten.“ Da war es raus. Ich habe mich gefragt: Was will ich, und was kann ich anders machen?
Und dann ist dir die Idee zur Glückssprechstunde gekommen.
Ich wollte mehr Raum für sprechende Medizin, für ganzheitliche Medizin und Prävention. Und ich wollte ein Angebot für Mütter, das auch komplett digital funktioniert. Das zeitlich und räumlich so flexibel ist, dass es gut in den Mama-Alltag passt. Die einzige Möglichkeit, beides zu realisieren, ist hier in Hessen eine nicht-ärztliche Tätigkeit. Das bedeutet, dass ich aufklären und beraten darf, aber z.B. keine Rezepte ausstellen kann.
Welche Frauen kommen zu dir?
Das Schöne ist, das ist – ähnlich wie in der Praxis – total bunt gemischt: Zu mir kommen Frauen, die Beratung suchen zur Verhütung, zum Kinderwunsch, zur Schwangerschaft, zu Herausforderungen in der Mutterschaft, zum Zyklus, zum Thema Sexualität und Libido genauso wie zu Wechseljahresbeschwerden. Die einzigen Frauen, die ich mit meiner Sprechstunde nicht erreiche, sind die älteren Damen, die nicht online sind.
Und wie reagieren die niedergelassenen Gynäkolog:innen auf dein Angebot?
Vor deren Reaktion hatte ich am Anfang tatsächlich ein wenig Angst. Ich kam mir vor wie eine Nestbeschmutzerin, weil ich immer auf die Lücke hinweise, die es im System gibt – die mir ja auch jeden Tag so schmerzlich begegnete – und die die niedergelassenen Kolleg:innen nicht schließen können. Tatsächlich ist die Resonanz in meinem Umkreis aber erstaunlich positiv: Die meisten sind sehr froh, dass sie jetzt fachlich gut aufgeklärte Patientinnen haben und Zeit sparen. Und auch bei meinen Klientinnen erlebe ich immer, dass sie hochzufrieden mit ihren Gyns sind und wissen, unter welchem Druck diese stehen. Sie nehmen mein Angebot ganz gezielt als Ergänzung an.
Du hast eben das Thema Wechseljahre angesprochen. Was sind hier die häufigsten Themen?
Ganz häufig berichten Klientinnen von Beschwerden, ohne dass sie diese auf die Wechseljahre zurückführen. Sie melden sich mit Ende 30 und Anfang, Mitte 40 und berichten, dass irgendetwas anders ist bei ihnen, für das sie keine Ursache finden. Zum Beispiel: „Ich belle meine Familie an“ oder „Ich laufe in den Keller und weiß nicht, was ich da wollte“, „Ich habe plötzlich Migräne“, „Ich habe jetzt PMS – das hatte ich vorher nie.“ Herzrasen, Schlafstörungen oder Schwindel sind auch häufige Beschwerdebilder. Ich erkläre den Frauen dann, dass diese Symptome mit der Perimenopause zusammenhängen können. Die wenigsten wissen, wie früh sich diese Veränderungen mitunter zeigen.
Deine Klientinnen müssen die Glückssprechstunde selbst bezahlen. Das heißt im Umkehrschluss: Nicht jede Frau kann sich Aufklärung leisten.
Das stimmt. Und das ist mein größter Painpoint. Gleichzeitig habe ich gerade mein erstes Onlineprogramm zur Zertifizierung bei der ZPP eigereicht, der zentralen Prüfstelle für Prävention. Sobald die Zertifizierung durch ist, können die Teilnehmenden dafür eine Kostenübernahme durch ihre Krankenkasse beantragen. Ich biete auf meiner Seite günstige Onlineprogramme an und unterstütze Startups, wie z.B. KnowBody, die eine Sexualkunde-App entwickelt haben. Und ich versuche, so viel Aufklärung wie möglich kostenfrei über Social Media und in den klassischen Medien zu machen. Mein Ziel ist es, so viele Frauen zu erreichen, wie es geht. Für ein Ende der Scham rund um die Themen der Frauengesundheit.
Bald ist Weihnachten – Zeit der Wünsche. Hast du einen, den du mit uns teilen möchtest?
Ich wünsche mir ein Gesundheitssystem, das seinem Namen alle Ehre macht. Das sich nicht allein auf Krankheit fokussiert, sondern die Prävention und Salutogenese, also die Erhaltung der Gesundheit, in den Mittelpunkt stellt. Und wenn es um das Thema Wechseljahre geht, wünsche ich mir eine bessere Ausbildung für alle Beteiligten.

Der GLÜCKSSPRECHSTUNDE
Adventskalender zum Download
Bis Weihnachten erwarten dich:
– kleine Achtsamkeitsimpulse
– Seelenstreichler
– Rezepte
– Zitate inspirierender Persönlichkeiten
Und ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk.
